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Interviewtechniken

1) Kategorisierungen:

Zunächst gilt es, diese journalistische Grundtechnik gegenüber anderen Disziplinen klar abzugrenzen, denn Interviews spielen auch beim Psychologen,
bei einem Vorstellungsgespräch oder in den Bereichen von Markt-, Sozial- und Meinungsforschung eine Rolle.
Im Journalismus ist es sowohl eine DARSTELLUNGSFORM als auch ein RECHERCHEMITTEL.

Grundsätzlich lässt sich das Interview in drei Arten unterteilen:

  • Interview zur Person
  • Interview zur Sache
  • Interview zur Meinung

Als journalistische Darstellungsform ist außerdem zu unterscheiden:

  • Veröffentlichtes Interview (Print)
  • Schriftsprache und gesprochenes Wort unterscheiden sich, weshalb für den Printbereich das Interview an die Lesegewohnheiten angepasst werden muss.
    Nicht selten sorgen solche Interviews für Streit. Einerseits können generell Missverständnisse auftreten. Andererseits kann einem Interviewten die “Übersetzung” des Interviewers missfallen.
    Solche Fälle bergen auch juristisches Konfliktpotenzial. Die A/V-Medien sind von dieser Art “Übersetzungs”-Problem verschont.

  • Interview für A/V Beitrag
  • In den A/V-Medien werden Interviews meist so geführt, dass nur die geschnitten O-Töne Verwendung finden. Die gestellten Fragen bleiben demnach im Off.
    Einerseits ist diese Vorgehensweise in praktischer Hinsicht vorteilhaft, da bspw. vor Ort nur ein Mikrofon ausgepegelt werden muss.
    In anderer Hinsicht kommt sie auch der Konsumierbarkeit des Interviews zugute, da Interviews i.d.R. mit Schnitttechnik so aufbereitet werden,
    dass bspw. O-Töne im Hörfunk von “Äh´s” und Stottern bereinigt werden.
    Jedoch kann auch der Schnitt eines Interviews zu “Übersetzungs”-Fehlern” anderer Art, also im weitesten Sinne Verzerrungen des O-Tons, führen (z.B.
    schnittbasiertes In-den-Mund-legen bestimmter Aussagen des Interviewten, die so nie geäußert worden sind.

  • Live Interview
  • Live-Interviews erfordern gute Vorbereitung, da im Live-Betrieb Fehler nicht mehr auszubessern sind.
    Die richtige Auswahl des Interviewpartners und die auf ihn und das Thema zugeschnittenen Fragestellungen sind extrem wichtig.

  • Aufgezeichnetes Interview
  • Wenn bspw. der Moderator oder Interviewpartner nicht Live-tauglich sind oder es Probleme für einen gemeinsamen Interviewtermin gibt,
    werden Interviews aufgezeichnet und später gesendet, wovon das Telefoninterview am häufigsten vorkommt.

Interviews haben Vor- und Nachteile. Durch die Verwendung von O-Tönen wirken sie lebendig, Themen werden durch Personen präsentiert und
dadurch rezipientenfreundlicher. O-Töne tragen Dokumentencharakter, gehen daher mit Glaubwürdigkeit einher und sie können medial nachgenutzt werden, was Zeit und Kosten spart.
Andererseits ist das Ergebnis eines Interviews abhängig von diversen Fähigkeiten des Interviewten, was allein schon die rhetorischen betrifft. Besonders im Live-Betrieb bergen Interviews durch schlechte Vorbereitung ein hohes Risiko zu scheitern.
Differenzierte Darstellungen verschiedener Meinungen sind außerdem nur bedingt möglich und gemachte Aussagen lassen sich erst im Nachhinein
belegen oder anfechten.

2) Interviewsituation:

Die Interviewsituation ist durch die komplexe Interaktion zwischen Interviewer und Interviewtem sowie durch die Einbeziehung des anvisierten Empfängers des Interviews gekennzeichnet.
Zahlreiche Variablen wie Alter, Geschlecht, sozialer Status, Kenntnisse, Interesse oder Erwartungen dieser drei Instanzen bestimmen letztendlich die Interviewsituation.
Bspw. bestimmen Unterschiede des sozialen Status das Interviewgeschehen und schlagen sich in einem bestimmten Verhältnis der Sprecher zueinander wie auch zu den Gegenständen ihrer Rede nieder.
Der Interviewer muss sich also mit seiner Rolle auseinandersetzen.
Mögliche Rollen sind z.B.:

  • Stellvertreter des Empfängers
  • Hierbei stellt der Interviewer v.a. kurze Fragen und gibt nur wenige Statements. Oft wird mit Verständnisfragen nachgehakt (Was heißt das konkret?, Was bedeutet…?).
    Auch muss eine kontroverse Haltung des Interviewers nicht ausgeschlossen sein.

  • Promoter des Befragten
  • Eher werden allgemeine Fragen mit viel Gestaltungsraum für den Interviewten gestellt, dessen Antworten und Ausführungen länger
    ausfallen und weniger durch Nachfragen unterbrochen werden. Der Interviewer gibt eher Informationen, die der Interviewte bestätigt.

  • Selbstdarsteller
  • Hier redet der Interviewer mehr als der Interviewte, gibt viel Informationen und rundet diese durch Nachfragen ab.

  • Kommentatoren oder Meinungsverkäufer sind als Sonderformen zu betrachten.

3) Konzeptionelles:

Um ein Interview zu bewerkstelligen, gilt es zu allererst, einige Vorüberlegungen anzustellen:

  • Eignet sich das Thema für ein Interview?
  • Wie abstrakt und komplex ist das Thema? Wie viel Grundverständnis liegt beim Empfänger vor? Welche weiteren Verständnisbarrieren gibt es? etc.)

  • Welcher Interviewpartner wird gewählt?
  • Akteur, Verkünder, Protagonist, Betroffener, Opfer, Kritiker, Fachmann, Gutachter, Experte, Original, Type, Selbstdarsteller?
    Erfüllt der Interviewpartner die fachlichen und medialen Kriterien?

  • Was ist hinsichtlich des Empfängers / der Zielgruppe zu beachten?
  • Wer sind die Empfänger? Was interessiert an dem Thema besonders? Sind die Empfänger in besonderer Weise betroffen?
    Welches Vorverständnis hat die Zielgruppe zum Thema oder Interviewpartner? Welche Vorurteile hat die Zielgruppe zum Thema oder Interviewpartner?

  • Welche Funktion soll das Interview erfüllen?
  • Information, Kontroverse, Porträt?

  • Welche inhaltliche Planungs- und Recherchearbeit muss zuvor geleistet werden?
  • Worum gehts? Wer sagt was warum? Was gibt es für Zahlen, Daten, Fakten und was davon ist wichtig? Wie ist die Quellenlage? Welche Fach- oder Fremdwörter müssen übersetzt werden bzw. bedürfen der Erläuterung?
    Auf welche Interviewfragen wird der Interviewte welche Antworten geben? Wie beende ich das Interview?

4) Interviewtechniken

Eine entscheidende Rolle spielen die Fragearten.
Zu unterscheiden sind diese in:

  • offene Fragen
  • Gemeint sind die klassischen “W”-Fragen (wer, was, wo, wie, wann, warum). Sie sollen sowohl umfassende als auch präzise Antworten liefern.
    Auch wird dem Interviewten ein gewisser Spielraum geboten, was sich unter Umständen in unkonkreten oder ausweichenden Antworten äußern kann.
    Offene Fragen erfordern ein hohes Maß an Konzentration und aktives Zuhören beim Interviewer.

  • geschlossene Fragen
  • Sie sollen klare Antworten liefern. Im einfachsten Fall bedeutet dies eine Antwort mit ja oder nein. Im Idealfall wird der Interviewte zu einer klaren Positionierung gedrängt.
    Geschlossene Fragen müssen oft durch offene Fragen ergänzt werden.

  • interpretierende Nachfragen
  • Diese sollen unklare, ausweichende oder lange Antwort auf den Punkt bringen. Interpretierende Nachfragen entstehen meist spontan aus der Interviewsituation und lassen sich kaum planen.
    Sie erfordern aktives Zuhören und Vorrausplanen des Interviewers. Auch ist dabei seine Sachkenntnis auf dem Prüfstand.

  • Feststellung + Frage
  • Hierbei sollen notwendige Informationen verpackt und das Interview thematisch verdichtet bzw. eingegrenzt werden. Vorsicht ist
    bei ungesicherten Recherchen, Scheininformationen und diskursiven Allgemeinplätzen (etwa kolportierten Vorurteilen) geboten.
    Nicht zuletzt das Gesprächsklima kann darunter leiden, was im Zweifelsfall zum Abbruch des Interviews seitens des Interviewten führen kann.

  • Suggestivfragen
  • Ein Interviewter soll hiermit aus der Reserve gelockt werden, in gewünschter Weise reagieren oder sich zur Wehr setzen.
    Hinsichtlich des Gesprächsklimas ist auch hier Vorsicht geboten.

  • indirekte Fragen
  • Der Interviewer versteckt sich hinter der Auffassung eines Dritten. Dies kann zur Lockerung eines angespannten Gesprächsklimas
    dienen, aber auch zur Provokation (z.B. indem die Verbindung zu einem Meinungskontrahenten des Interviewten hergestellt wird).
    Um Gegenfragen standzuhalten, ist eine gute Vorrecherche notwendig.

Literatur:

  • Friedrichs, Jürgen / Schwingens, Ulrich: Das journalistische Interview. 2. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005.
  • Haller, Michael: Das Interview. 3. Auflage. UVK-Verlagsgesellschaft. Konstanz 2001.
  • Müller-Dofel, Mario: Interviews führen. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. Econ. Berlin 2009.
  • Thiele, Christian: Interviews führen. UVK-Verlagsgesellschaft. Konstanz 2009.

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